{"id":2009596,"date":"2021-09-01T12:44:23","date_gmt":"2021-09-01T12:44:23","guid":{"rendered":"https:\/\/orgel.alt-pankow.de\/?p=2009596"},"modified":"2021-09-01T13:10:26","modified_gmt":"2021-09-01T13:10:26","slug":"pfarrerin-i-r-ruth-misselwitz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/orgel.alt-pankow.de\/?p=2009596","title":{"rendered":"Pfarrerin i.R. Ruth Misselwitz"},"content":{"rendered":"\n<p>Predigt zum Festgottesdienst zur Orgelweihe am 22. August 2021<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Markus 7, 31 \u2013 37<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Liebe Schwestern und Br\u00fcder,<br>nun ist es vollbracht \u2013 die neue alte Orgel steht in all ihrer Erhabenheit und Klangf\u00fclle auf der Empore unserer Kirche und berauscht unsere Sinne. Gestern hat sie unser Bischof in den Dienst genommen, dass sie fortan zur Ehre Gottes, zu unserer Freude und zu unsrem Trost erklinge. F\u00fcnf Jahre hat die Orgelgruppe daran gearbeitet. Das ist im Verh\u00e4ltnis zu der Geldsumme und den dazugeh\u00f6rigen organisatorischen, technischen, politischen und zwischenmenschlichen Herausforderungen eine relativ kurze Zeit. Gestern hat unser Schirmherr Wolfgang Thierse den Brief erw\u00e4hnt, in dem ich ihn um die Schirmherrschaft bitte. Er war von 2018 datiert \u2013 also vor drei Jahren. Als die Zusage von der Lottostiftung kam, ca. die H\u00e4lfte der Kosten zu \u00fcbernehmen, gab es kein Zur\u00fcck mehr.<\/p>\n\n\n\n<p>Woher nahmen wir den Mut, die Kraft und die Zuversicht solch ein Projekt zu stemmen, das in einer Zeit, wie der heutigen f\u00fcr manch einen als verr\u00fcckt oder sogar fehl am Platz erschien? Warum eine Orgel bauen, wenn es \u00fcberall an Geld fehlt, wenn die finanziellen Ressourcen immer knapper werden? W\u00e4re es nicht viel sinnvoller, ein soziales Projekt zu unterst\u00fctzen, f\u00fcr die Fl\u00fcchtlingshilfe Geld zu sammeln oder sich stark zu machen f\u00fcr umweltschonende oder tiersch\u00fctzende Institutionen? Alles richtig \u2013 und ich wei\u00df von vielen, die sich f\u00fcr die Orgel eingesetzt haben, dass sie auf all diesen Feldern auch sehr aktiv sind. Unterschiedliche Meinungen \u00fcber dieses Vorhaben hat es auch in unserer Gemeinde gegeben.<\/p>\n\n\n\n<p>Was hat uns dennoch motiviert, eigensinnig \u2013 ja starrk\u00f6pfig an diesem Projekt festzuhalten? Da gab es sicherlich vielerlei Gr\u00fcnde, die bei dem einen oder der anderen eine unterschiedliche Rolle spielten. Ich kann von mir sagen, dass mich gerade dieses scheinbar Absurde herausgefordert hat.<br>Da wollen wir eine Orgel bauen von einem Orgelbauer, der vor 150 Jahren seine Spuren in der Berliner Orgellandschaft hinterlassen hat und von dem keine einzige mehr \u00fcbriggeblieben ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Da bauen wir in einer Zeit, in der alle Konzerts\u00e4le geschlossen werden, gr\u00f6\u00dfere Menschenansammlungen verboten werden, die meisten Kirchen geschlossen sind und Kunst und Kultur nur noch virtuell zu erleben ist. Aber wir mussten Benefizveranstaltungen machen, um das Geld zusammen zu kriegen. Wir haben diese Benefizveranstaltungen \u2013 wunderbare Konzerte und kulturelle Programme \u2013 durch die dunkelsten Zeiten getragen. Musikalische Andachten \u2013 unter Einhaltung aller Hygieneregeln und Vorsichtsma\u00dfnahmen \u2013 fanden nun statt. Und nicht ein einziges mal wurde unsere Kirche zu einem hotspot f\u00fcr den Coronavirus \u2013 Gott sei Dank!!!<br>Wie viel Dankbarkeit haben wir bei den Besuchern und den Kulturschaffenden erlebt. Und ich empfand die geistlichen Worte, die ich finden musste, als eine besondere Herausforderung, weil sie an Menschen gerichtet waren, die nicht zum normalen Gottesdienstumfeld geh\u00f6rten. Ein Schatz, der unbedingt in das zuk\u00fcnftige Gemeindeleben integriert werden sollte. Wir haben in dieser Zeit erlebt, das Musik und Kultur \u00fcberlebenswichtige Nahrungsquellen sind. Sie schaffen Gemeinschaft, tr\u00f6sten die verwundete Seele und geben wieder Kraft f\u00fcr den Alltag.<br>All diese Erfahrungen werde ich zuk\u00fcnftig mit dieser Orgel verbinden. Sie ist f\u00fcr mich der lebende Beweis f\u00fcr die Strahlkraft von Musik, Kultur und Gemeinschaft in dunklen Zeiten. Ihre Planung, ihr Bau und ihre Fertigstellung sind Zeichen der Hoffnung gegen Resignation und Mutlosigkeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Liebe Schwestern und Br\u00fcder,<br>wenn in unseren Kirchen Musik erschallt, dann wollen wir nicht zu unserer Ehre, sondern zur Ehre Gottes singen und spielen. Wir sind voller Dankbarkeit, dass uns Gott die Sinne geschenkt hat, zu h\u00f6ren, zu reden und zu singen. Die Geschichte, die wir vorhin aus dem Markusevangelium geh\u00f6rt haben, erz\u00e4hlt aber auch von einem Menschen, der nicht h\u00f6ren und nicht reden \u2013 also auch nicht singen konnte. Taubstumm zu sein bedeutet, weder die T\u00f6ne um mich herum wahrzunehmen, noch solche T\u00f6ne weiter geben zu k\u00f6nnen. Und das bedeutet, einsam, isoliert, abgeschnitten zu sein von einer Welt, die voller Klangfarben und Ausdrucksm\u00f6glichkeiten ist.<br>Wir kennen solche Menschen und die Kunst, durch Geb\u00e4rdensprache sie in unsere Welt mit hineinzunehmen, ist eine gro\u00dfe Errungenschaft. Solche Krankenheilungen wirken auf uns, die wir in einer aufgekl\u00e4rten und wissenschaftlichen Welt leben, eher befremdlich. Als ich aber 1993 f\u00fcr 3 Monate zu einem Studienurlaub in S\u00fcdafrika weilte, geh\u00f6rten in den schwarzen Gemeinden solche Geschichten durchaus zum Alltag.<br>Ich m\u00f6chte jetzt nicht der Frage nachgehen, ob die Geschichte nun wahr ist oder nicht, ich m\u00f6chte vielmehr der Frage nachgehen, was das f\u00fcr uns hier und jetzt bedeutet, taub und stumm zu sein. Auch wenn wir die Kl\u00e4nge um uns herum wahrnehmen und uns am allgemeinen Geplauder beteiligen,<br>kann es durch aus sein, dass wir taub und stumm sind. Durch was f\u00fcr Ereignisse auch immer, kann es geschehen, dass wir unsere Ohren, unsere Augen und unseren Mund verschlie\u00dfen und gefangen sind in unserer Einsamkeit und Isolation. Jesus nimmt den Taubstummen zur Seite, legt ihm die Finger in die Ohren und ber\u00fchrt seine Zunge mit Speichel. Alles sehr handfeste Ber\u00fchrungen \u2013 keine esoterischen D\u00fcfte oder lieblichen Klangschalen.<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201eund er sah auf zum Himmel und seufzte und sprach zu ihm: Hefata! das hei\u00dft: \u00f6ffne dich.\u201c<\/em> \u00d6ffne dich \u2013 so fordert Jesus den Taubstummen auf \u2013 als ob das so einfach ginge. Aber es geht: <em>\u201esogleich taten sich seine Ohren auf und die Fessel seiner Zunge l\u00f6ste sich und er redete richtig.\u201c<\/em><br>H\u00f6rt man genau hin, so redet man auch richtig. Achte ich auf die hohen und die tiefen T\u00f6ne, die lauten und die leisen, die freudigen und die traurigen, so wird auch meine Sprache einf\u00fchlsamer und bedachter. Wenn die Sinne gesch\u00e4rft sind, dann h\u00f6re ich das Seufzen aber auch den Jubelgesang der Natur und dann hat das Einfluss auf meine Stimmungslage, mein Reden und mein Handeln.<\/p>\n\n\n\n<p>Liebe Schwestern und Br\u00fcder,<br>so ist das auch mit dem Musizieren. Alle, die in einem Chor singen oder in einem Orchester spielen wissen, wie wichtig das aufeinander H\u00f6ren ist. Miteinander zu musizieren, geh\u00f6rt wohl zu den h\u00f6chsten kulturellen Errungenschaften der Menschheit, es f\u00f6rdert die Gemeinschaft, die Solidarit\u00e4t, das Mitgef\u00fchl und das eigene Selbstbewusstsein.<br>Die Orgel \u2013 die K\u00f6nigin der Instrumente \u2013 vereinbart all diese Eigenschaften in ihrem Klangk\u00f6rper, sie ist ein riesiges Orchester. Unsere Orgel hat \u00fcber 1500 Pfeifen \u2013 riesengro\u00dfe und winzig kleine, aus denen ganz tiefe, dunkle und \u00fcberaus hohe und spitze T\u00f6ne str\u00f6men und dazwischen T\u00f6ne in allen m\u00f6glichen Farben und Schattierungen. Kunstvoll und fachm\u00e4nnisch bedient, erklingt die Orgel in wunderbarer F\u00fclle und Harmonie. Eine unkundige und gef\u00fchllose Hand erzeugt Dissonanzen und Ohrenschmerzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Liebe Schwestern und Br\u00fcder,<br>m\u00f6ge Gott allen Menschen, die zuk\u00fcnftig an dieser Orgel spielen, diese gef\u00fchlvolle Hand geben, m\u00f6ge er uns allen, die wir hier um sie herum singen und musizieren, die Ohren und den Mund \u00f6ffnen, damit unser Lobpreis zur Ehre Gottes sich mit den Engeln vereint und wir aufgehoben sind in dem Kreis der Kinder Gottes. Und auch wenn es melodische Unsicherheiten, Misst\u00f6ne oder gar grober Fehler gibt, so wir wissen uns doch geborgen in der Liebe Gottes, die weit \u00fcber unseren menschlichen Verstand reicht und die die ganze Menschheit vereinen will zu dem gro\u00dfen harmonischen Orchester, in dem jeder und jede ihren Platz hat. Amen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigt zum Festgottesdienst zur Orgelweihe am 22. 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