{"id":2009594,"date":"2021-09-01T12:42:10","date_gmt":"2021-09-01T12:42:10","guid":{"rendered":"https:\/\/orgel.alt-pankow.de\/?p=2009594"},"modified":"2021-09-01T13:03:48","modified_gmt":"2021-09-01T13:03:48","slug":"bischof-dr-christian-staeblein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/orgel.alt-pankow.de\/?p=2009594","title":{"rendered":"Bischof Dr. Christian St\u00e4blein"},"content":{"rendered":"\n<p>Predigt zur Orgelweihe<\/p>\n\n\n\n<p>21. August 2021 <br>Alte Pfarrkirche Pankow &#8222;Zu den Vier Evangelisten&#8220;<br>Numeri 10, 1-11<br><\/p>\n\n\n\n<p>Liebe Festgemeinde, Orgelfreundinnen und \u2013freunde, <br>Freunde der Kirche Alt-Pankow, liebe Schwestern und Br\u00fcder,<br>Musik \u2013 Orgelspiel zumal \u2013 ist die Kunst des Augenblicks, das ist ja klar, Musik kann immer nur Jetzt sein, die Lufts\u00e4ulen entstehen und pflanzen sich fort durch den Raum, aus den Pfeifen treten jene Windwellen hervor, die uns t\u00f6nen. Und das nicht irgendwie, sondern kunstvoll, dass wir in starke, intensive Stimmungen versetzt werden, erfasst geradezu. Weggetragen werden von Orgelwinden. Man sieht es sonderbarerweise oft an den Augen, die schon mal glasig werden k\u00f6nnen, also feucht oder verkl\u00e4rt oder tr\u00e4umerisch fern. In den Augen, hinter ihnen, spiegelt sich ein fr\u00fcher, wom\u00f6glich als etwas gut schien, vom Leben umarmt, im Garten, auf der Bank, zwischen den Eltern. Oder wie es war, als Du gehadert hast, tagelang. Als der Krebs. Tonleiter rauf. Runter. Runter. Und ja, es spiegelt sich vermutlich auch ein Sp\u00e4ter. Eine Hoffnung, wie gut es werden kann, miteinander. Wieder auf der Bank. Im Gr\u00fcn von der Kirche. Mit Enkeln. Hinter den Augen stimmen T\u00f6ne das Sein, bringen uns zum Schwingen. Ja, ausgerechnet die Augen zeigen uns diese Wirkung des Orgelspiels, die Kunst des Augenblicks. Paradox eigentlich, weil: ist ja gerade nicht zu sehen, also den Ton sieht unser Auge nicht, nur die Wirkung. Liebe Festgemeinde, ich gebe zu, ein romantischer Gedanke das mit dem Sehen und Nichtsehen und dem Erinnern und Hoffen, ein romantisierender Einstieg irgendwie, aber wie soll man Musik ernsthaft anders betrachten, als von dem Mehr, von dem Zus\u00e4tzlichen, das entsteht, wenn die Orgel spielt. Romantik ist ja doch nicht, wie unser Alltagssprachgebrauch manchmal meint, irgendwie Gef\u00fchlsduselei, emotionale Undiszpliniertheit oder so. Romantik ist die Einsicht, dass es auf das Mehr ankommt, auf das, was, was der Geist \u00fcber die Mathematik der Winds\u00e4ulen und \u00fcber die Sinuskurven der Schwallwellen hinaus sp\u00fcrt und teilt. Auf dieses Mehr kommt es an. Daf\u00fcr die Orgel, deren T\u00f6ne man nat\u00fcrlich \u2013 klar, wir haben CDs \u2013 die man nat\u00fcrlich auch mit nach Hause nehmen kann, auch mit dieser wunderbaren Orgel wird das bald so sein, aber entscheidend bei einer Orgel ist immer Jetzt. Das Ineinander von Erinnerung und Zukunft, verschlungen, verknotet, sp\u00fcrbar im Aufbruch des Moments. <\/p>\n\n\n\n<p>Das ist etwa ist die Situation jenes Moments, der in Numeri 10 \u2013 also im vierten Buch Mose \u2013 eingefangen ist. Da wird erz\u00e4hlt, wie das am Sinai lagernde Volk Israel aufbricht. Daf\u00fcr die ausf\u00fchrliche Bl\u00e4serordnung, die wir vorhin geh\u00f6rt haben. Die Zeit des Zwischenstopps am Berg \u2013 mit Empfang der Gesetzestafeln, mit allem R\u00fcstzeug, dass das Volk Israel und die ganze Menschheit braucht, mitbekommen hat von Gott, 10 Gebote, Versprechen, Auftrag \u2013 diese Zeit des Zwischenstopps ist vorbei. Aufbruch. Trompeten aus geriebenem Silber, wenn man mit einer bl\u00e4st, so, wenn man mit zweien bl\u00e4st, so, laut, so, leise, so. Auf geht\u2019s, Aufbruch. Was machen wir mit diesen Worten? Eins zu eins wohl kaum \u2013 wenn die Schwester Livmane zwei ihrer Register nimmt, sind die Stra\u00dfenz\u00fcge hier s\u00fcdlich in Pankow dran mit aufbrechen, wenn er das hohe Waldhornregister nimmt, die n\u00f6rdlichen? Das w\u00e4re albern, obwohl die Schwester Livmane das ganz sicher kann und ganz sicher so k\u00f6nnte, dass sich hier alle versammeln, ganz Pankow und weit dar\u00fcber hinaus. Aber nein: ich sage es gleich. Das Eigentliche, das Tiefe an den Numeri-Worten sieht man nat\u00fcrlich nicht, wie sollte es anders sein heute, das schwebt wie die Orgelwinde und wie der Geist zwischen den Buchstaben. Das Tiefe an diesen Worten, die Sie ausgesucht haben? Sie sind so viel sp\u00e4ter geschrieben, ja sie meinen ein so viel sp\u00e4ter. Sie verwickeln ein Israel in eine Vergangenheit, die gleichsam den Augenblick des Aufbruchs in ein fr\u00fcher verlegt, ein Aufbruch, der dadurch erst recht jetzt sein kann. Klingt kompliziert? 500 oder 1000 Jahre sp\u00e4ter geschrieben und f\u00fcr das Jetzt gemeint: Wenn ihr blast, sollt ihr denken, sp\u00fcren, in Bewegung nehmen, dass Gott mit euch ist. Als w\u00e4re es damals, ist deshalb wie morgen schon jetzt. Die Schwingungen dieser T\u00f6ne verschlingen das Ineinander der Zeit. Und Gott ist da. Zu tricky? Zu romantisch, also im echten Sinne \u2013 mit dem Mehr der Erinnerung, die aus der Zukunft t\u00f6nt?<\/p>\n\n\n\n<p>Liebe Festgemeinde, genau an diesem Punkt sind wir jetzt. Weil: Mit einer Orgel, die mit diesem Mehr des Gestern f\u00fcr das Morgen spielt. Sie haben ja etwas Einmaliges hier. Eine Carl-August-Buchholz-Orgel aus der Werkstatt von Christian Wegscheider. Wie bitte? Was haben Sie? Eine Carl-August-Buchholz-Orgel, das ist der Orgelbauer des 19. Jahrhunderts, aber fast nichts mehr erhalten, fast alle zerst\u00f6rt, die er gebaut, allein 40 wohl in Berlin, die gro\u00dfen, sind nicht mehr, muss man bis nach Kronstadt oder rauf nach Barth, um noch welche von ihm zu finden, eine versunkene Welt fast. Und die taucht in Pankow wieder auf, hier, wo sie zerst\u00f6rt und untergegangen am Ende des Krieges. Mancher, manche von Ihnen, ich habe extra fragen lassen, hat die einstige Buchholz-Orgel hier noch geh\u00f6rt, bevor sie zerst\u00f6rt und abgebaut wurde f\u00fcr \u00fcber ein dreiviertel Jahrhundert. Und jetzt ist sie wieder da. Ja. Nein, Unsinn. Ist sie nicht. Ist eine neue, eine aus der Wegscheider-Werkstatt, eine Wegscheider Orgel, Dresdener Kunst, Ihre, lieber Herr Wegscheider, Ihre Kunst, an der Zeit zu drehen und so die Kunst des Augenblicks zu schaffen. Unsere Augen d\u00fcrfen glasig und vertr\u00e4umt werden, als w\u00e4re es ein Gestern. Aber es ist das Morgen, der Aufbruch in die Zukunft. Romantisch klingt das? Naja, Fr\u00fchromantik-Orgeln, das war die Kunst von Carl-August Buchholz und das ist auch Ihre Kunst. Und Fr\u00fchromantik hei\u00dft erst recht: Keine Gef\u00fchlsduselei, klares, ja durchaus strenges Gewahrwerden des Geistes durch die Aufkl\u00e4rung hindurch. Aufgekl\u00e4rt. Und dann wird es Licht, klar, auch das Wellen, sinuskurvenartig, aber Klarheit ist mehr als Wellen von Licht. Nein, also kein albernes fr\u00fcher war es doch sch\u00f6ner und alles besser. Nie war es so. Es tut aber gut: bis zum Sinai zur\u00fcck und dann mit Gott auf den Weg. In Pankow. Sorry, ein irre krass geniales Projekt, das Sie hier durchgezogen haben, in ein paar Jahren mit Spendern und Lotto-Mitteln. Ein Sinai-Projekt, numeriverd\u00e4chtig, biblischer Glaube pur, n\u00e4mlich: Zur\u00fcck in die Zukunft. Pankow ist eben Nummero eins im verknoten der Zeit und im Aufbrechen, wenn es dran ist. <\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt \u00fcbertreibe ich? Werde romantisch, weil dieses hier ja die erste Kirche ist, in der ich in Berlin zu Hause war, wirklich zu Hause? Sehe mich selbst hier sitzen als ich noch jung war, nicht wusste wohin. Und erinnere: hier ist der Aufbruch zu Hause. Pankower Friedenskreis, alle wissen das. Friedenskreis. Und dann nehmen Sie zur Orgeleinweihung einen Bibeltext, in dem ja offenkundig zum Krieg geblasen wird?! Verr\u00fcckt, m\u00f6chte man meinen, v\u00f6llig unpassend denkt man zuerst, zumal heute, wo die Bilder im Fernsehen uns selbst ernannte \u201eGotteskrieger\u201c vorf\u00fchren, die ihre Kalaschnikow vor der Brust tragen. Und also alles andere als \u201eGotteskrieger\u201c sind, die nichts weiter als die Religion missbrauchen. Da w\u00fcnscht man sich den Pankower Friedenskreis und seine tiefe Einsicht, dass Waffen wohl manchmal n\u00f6tig sind, um Menschen zu retten, jetzt auch, um Menschen aus Afghanistan heraus zu holen. Den Frieden Gottes aber bringen die Waffen nicht, das bleibt zu unterscheiden, wie es der Pankower Friedenskreis zu unterscheiden wusste. Am Ende ist verhei\u00dfen Schwerter zu Pflugscharen und Kalaschnikowrohre zu Rosenvasen. Und eine Friedensorgel dazu ist verhei\u00dfen, nicht gestern, morgen. Friedenst\u00f6ne, die in Schwingung versetzen. So ist das auch der passende Bibeltext, denn, das sei gesagt, das ist ja der Geist dieses Textes: als die Israeliten diese Verse aufschreiben, konnten sie l\u00e4ngst keinen Krieg mehr f\u00fchren, wollten es schon gar nicht, waren verstreut und versprengt, gebrauchten ihre Musikh\u00f6rner ausschlie\u00dflich zum Sammeln und zum Feiern des Gottesdienstes. Also f\u00fcr nichts anderes als die Einsicht, wer Gott ist. Und wie man mit ihm die Opfer beklagt, die Geschwister, die zu fr\u00fch gegangen oder gefallen oder nicht rechtzeitig gerettet, auf deren Wiedersehen wir hoffen, wenn Gott aus der Zukunft auf uns kommt. Wahre, tiefe Fr\u00fchromantik: Gestern f\u00fcr morgen. Pankower Friedensorgel: Buchholz-Wegscheider-Wegweiser ins morgen. <\/p>\n\n\n\n<p>Und dann geht einem doch die Luft aus, die Puste. Das kennen Sie, liebe Gemeinde, alles gesagt scheinbar und pl\u00f6tzlich die Luft raus? Das Leiden der Romantik ist ja, dass all das Mehr, all der Geist \u00fcber die Kurven der Wellen hinaus nicht festzuhalten ist und sich pl\u00f6tzlich wom\u00f6glich entzieht. Dann fallen wir aus der Zeit. Wie wir aus dem Glauben fallen, wenn einer pl\u00f6tzlich sagt: also alles erfunden am Sinai, sp\u00e4ter gedichtet, kein fr\u00fcher gewesen. Luft raus, starres Jetzt statt Aufbruch. Am Kreuz ist die Luft raus, der Odem, der Atem, Christus ist wohl erstickt, sagen die Bibelforscher. Und gerade darin bei uns, wenn wir aus der Zeit fallen, dem Glauben, dem Vertrauen. <\/p>\n\n\n\n<p>Liebe Gemeinde, lieber Bruder Forck, liebe Schwester Livmane, lieber Bruder Wegscheider, ich wei\u00df gar nicht, ob das bei einer modernen Orgel noch so ist, wie ich das von fr\u00fcher kenne. Also nicht ganz fr\u00fcher, als irgendwer bei der Orgel den Blasebalg treten musste, sp\u00e4ter, mit den ersten Motoren. Da rumpelte es so, wenn man die Orgel einschaltete, Motor an und man h\u00f6rte das Spielwerk sich zurecht r\u00fccken wie \u2013 ich wei\u00df nicht, wie als ob aus dem Keller jemand hoch kommt. Orgelerwachen, hatte ich immer das Gef\u00fchl, kleine Auferstehung. Und dann, meist, wie zum Test, so ein erster Ton. Orgel beginnt ja selten im tutti, manchmal auch das, aber meist eher ein Ton, eine Taste, ein Pedal. Und dann beginnt die Reise. Und sie beginnt so aus dem Nichts, weil, eigentlich sind die Luftstr\u00f6me ja da, aber jetzt werden sie eben sortiert. Kunst des Augenblicks. Aufbruch auf gro\u00dfe Fahrt. Jahrhunderte zur\u00fcck. Jahrhunderte nach vorn. Das ist, was die Orgel kann, uns auf diese Reise des Glaubens mitnehmen. Und zwar gerade, wenn mir die Puste ausgegangen ist. Dann ist Orgelerwachen. Wie fr\u00fcher ins Sp\u00e4ter. Wo Gott ist, wo er war. Und von wo er kommt. Ich wei\u00df nicht, ob die Pankower Buchholz-Orgel aus der Werktstatt-Wegscheider noch so sonderbare Laute beim Einschalten gibt, vermutlich nicht. Aber dass sie uns mitnimmt, in Frieden und zum Frieden, zum Frieden Gottes, der h\u00f6her ist als all unsere Vernunft und der Euch bewahre, Herzen und Sinne, alle miteinander, das glaube ich, erinnere ich, hoffe ich \u2013 und bin so froh mit Euch \u00fcber diese Orgel. So dankbar \u2013 Augenblick \u2013 h\u00f6rt die Orgel. Amen<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigt zur Orgelweihe 21. 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